Donnerstag, 17. Mai 2012, 23:37:02 Uhr, NZZ Online
D ie Frage stellen alle ihre Besucher: Wie seid ihr an dieses Stück Land gekommen? Überwältigend ist der Ausblick, exklusiv und ruhig die Lage, verschwenderisch das Grundstück, ein 1600 m² grosser Park an der Côte vaudoise, welches das Paar erwerben konnte. Ein Zufall war es, der dem Paar zum Traum verhalf.
In Préverenges nahe Morges stand die Parzelle mit Seeanstoss plötzlich zum Verkauf. Zum ersten Mal hatten sie einige Monate zuvor angefragt. Doch die Verkäufer waren sich noch nicht einig und sagten ab. Ohne grosse Hoffnung, mehr aus Neugier, versuchten sie es noch einmal und kamen genau im richtigen Moment. Die beiden Wissenschafter – sie arbeiten als Hochschullehrer auf dem Gebiet der Biotechnologie – griffen sofort zu.
Bei der Wahl der Architekten gab die Empfehlung eines Freundes den Ausschlag. Zum Zug kam das Zürcher Büro Mach Architektur, das seinerseits die Zusammenarbeit mit dem lokalen Büro Uni-Architects suchte. «Die beiden waren selten zusammen zu erreichen. Entweder war er an einem Kongress in Japan, oder sie hielt einen Vortrag in Vancouver – immer im Dienst der Wissenschaft», berichtet David Marquardt von Mach.
Die Planung des Anwesens in Préverenges fand deshalb vor allem per E-Mail statt. Nach dem ersten Treffen wusste Marquardt, dass «wir dieselbe Wellenlänge haben und dasselbe wollen». Schon bei der ersten Begehung des Grundstücks wurde Bauherrschaft und Architekten klar, dass man die Lage zum Thema machen und mit den Bedürfnissen der Bauherrschaft verbinden will. Entstanden ist ein skulpturaler Bau, der wie ein Fels in der Brandung steht. Die Erschliessung von oben und die steile Hanglage waren die beiden grössten Herausforderungen. «Beides banden wir in unseren Entwurf ein und machten daraus eine Tugend – mit einem <Weg zum See>, der mitten durch das Haus hindurchführt», sagen die Architekten.
Die Konstruktion aus Beton, Stahl und Zementstein kontrastiert mit der umliegenden Natur. Die Gesamtform des Gebäudes mit seinen S-förmigen Einschnitten und den hierarchisch in Haupt- und Nebenfenster gegliederten Öffnungen wirkt ausgewogen. «Das Haus sollte ruhend wirken und dadurch Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlen», beschreibt David Marquardt das Konzept.
Im Innern bildet eine gemauerte Feuerstelle das statische und zugleich symbolische Zentrum des Hauses. Gemauert wurde unter anderem mit Natursteinen aus Quarzit, geölte Hölzer geben Wärme. Bei der Farbwahl wurde auf die Umgebung geachtet. Ziel war es, das Gebäude in die Parksituation zu integrieren. Kleine Farbnuancen zwischen Decke und Wand betonen die unterschiedlich hohen Raumvolumen.
Wichtig war der Bauherrschaft auch ein dem Stand der Technik entsprechendes Energiekonzept, das mit guter Dämmung, einer kontrollierten Lüftung und Erdsonden samt Wärmetauscher realisiert wurde. Das Gebäude entspricht somit dem Minergiestandard. Die Wohnräume sind auf eine Hauptebene und zwei Nebenebenen verteilt. Der obere Teil gehört der Familie. Unten ist in einem Loft Platz für Gäste. Vom 90 m² grossen Wohnzimmer und von den Balkonen bietet sich der atemberaubende Blick auf den See. Von der Terrasse geht es zu einem Gartendeck, das ans Ufer hinunterführt.
Seinen Traum vom Wohnen hat sich das vielbeschäftigte Paar realisiert. Eines lässt sich ihnen nicht entlocken: Angaben zum Preis der Villa. Nur schon das Grundstück dürfte mehrere Millionen Franken wert sein.
Gewässer gelten nach Bundesrecht als ein öffentliches Gut. Doch direkt an Seen und Flüsse zu gelangen, ist oft nicht möglich. Viele der begehrten Ufergrundstücke sind in privater Hand – und Millionen wert. Ihre Eigentümer wehren sich gegen den freien Zutritt – mit Schildern, Zäunen und hohen Hecken. Für ein unbeschränktes Durchgangsrecht am Ufer kämpft die Organisation «Rives publiques» und erwägt dafür auch die Lancierung einer Volksinitiative. Gegen den freien Zutritt laufen die Hauseigentümer Sturm, denn ihr Privateigentum verlöre deutlich an Wert. Mehrere Ämter haben im Auftrag des Bundes die Rechtslage abklären lassen und kamen zum Schluss: Nicht durchsetzbar, zu hohes finanzielles Risiko. (dst.)