
Freitag, 03. September 2010, 01:39:01 Uhr, NZZ Online
Jürgen Tietz ⋅ Wie ein Gebirge faltet sich das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung empor, während es an seinen Seiten behutsam in die Umgebung ausgreift, um kleinteilige, architektonisch gefasste Räume zu gestalten. Dank ihrer spektakulären Formensprache wirken die Häuser von Hermann Fehling (1909–1996) und Daniel Gogel (1927–1997) wie frühe Vorläufer der gebauten Plastiken von Frank O. Gehry oder Zaha Hadid. Doch so ausdrucksstark diese Architektur auch ist, so wenig wurde sie bisher rezipiert. Nun führt eine Werkübersicht in das Schaffen von Fehling und Gogel ein und legt dabei den Schwerpunkt auf die Institutsgebäude für die Max-Planck-Gesellschaft.
Es sind herausragende Beispiele für Wissenschaftsarchitektur – und zugleich Schaustücke einer visionären Moderne. Denn anstelle des Quadrat-Minimalismus, der lange Jahre das Architekturgeschehen in Deutschland beherrscht hat, verwirklichten Fehling und Gogel dynamische, bald kubische, bald organische Formen. Davon zeugt ihr wunderbares Institut für Hygiene und Mikrobiologie (1965/74) in Berlin-Steglitz, während das 1968 vollendete Haus Schatz in Baden-Baden exemplarisch die ineinanderfliessenden Raumfolgen ihrer Bauten dokumentiert. Fehling und Gogel führten damit die Visionen des Expressionismus fort und knüpften an Erich Mendelsohns Einsteinturm oder die Idee der Stadtkronen von Max Taut an.
Mit den in die Landschaft ausgreifenden Architekturplastiken gelang es Fehling und Gogel, selbst bei grossen Bauvolumen den Massstab auf ein menschliches Mass herunterzubrechen. Sie gestalteten räumliche Attraktionen, die keineswegs Selbstzweck waren. Vielmehr entstand eine «soziale Szenografie», wie es der Architektursoziologe Werner Sewing in seinem Buchbeitrag nennt. Gerade ihre Institute für die Max-Planck-Gesellschaft sind «Gemeinschaftsbauten» im besten Sinn, bei denen sich die Treppenhauslandschaft zu einer aus Terrassen bestehenden Komposition ausweitet. Dort entstehen Treffpunkte für die Mitarbeiter. Das Ergebnis ist eine organische, aus den Gedanken der Nutzung entwickelte Kommunikationsarchitektur, deren sinnliche Qualität überzeugt.
Bleibt zu hoffen, dass Daniel Gogels Nachlass, der seit Jahren im Schweizer Architekturmuseum in Basel schlummert, endlich angemessen aufgearbeitet wird. Das Werkverzeichnis schafft jedenfalls eine Grundlage für die längst überfällige Wiederentdeckung der Bauten von Fehling und Gogel.