
Freitag, 03. September 2010, 01:39:40 Uhr, NZZ Online
Corinne Elsesser
In den vergangenen Jahren hat sich auf dem neuen Universitätsgelände im Frankfurter Westend einiges getan. Auffallend neben der zwischen 1929 und 1930 von Hans Poelzig erbauten und in den neunziger Jahren zum Fakultätsgebäude umgestalteten einstigen Hauptverwaltung der IG Farben ist vor allem das Gebäudeensemble der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, auch wenn es auf den ersten Blick einem Vergleich mit anderen in den letzten Jahren entstandenen Universitätsbauten nicht standzuhalten scheint. Es wirkt solid und gediegen und mutet wie ein steinerner Werkblock an, der aus seinem Grundrissvolumen bildhauerisch herausgearbeitet wurde. Doch liegen gerade darin seine Stärke und sein Bezug zum Poelzig-Gebäude, das den neuen Campus festungsartig dominiert. Schon 1997 waren im Poelzig-Gebäude die Geisteswissenschaften eingezogen, weitere Fachbereiche sollten folgen. Für die Gesamtplanung des 7,5 Hektaren grossen Areals zeichnet der Frankfurter Architekt Ferdinand Heide verantwortlich. Er hat eine dreiachsige Parklandschaft entworfen, die die Zentralität des historischen Poelzig-Gebäudes aufnimmt und stringent fortführt.
Das Mensa- und das Hörsaalgebäude von Ferdinand Heide strukturiert die Mittelachse. Westlich davon ist neben dem von Kleihues Kleihues und Dülmen-Rürup konzipierten «House of Finance» das Gebäude der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angeordnet. Es beherbergt die mit 8000 Studenten grössten Fachbereiche der Universität und fällt deshalb allein schon durch seine Grösse auf. Aber es verdient auch aufgrund seiner baulichen Form einige Aufmerksamkeit. Entworfen haben es die Berliner Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann. Die beiden haben in Prag, Berlin und London studiert und haben erstmals 1999 mit dem Bau des Auswärtigen Amtes in Berlin auf sich aufmerksam gemacht.
Das Fakultätsgebäude von Müller und Reimann ist durchgehend mit hellgrauem römischem Travertin verkleidet und in den vier Verwaltungsgeschossen durch schmale, vertikale Fensterschlitze akzentuiert. Diese wirken auf den ersten Blick scharf eingeschnitten wie Schiessscharten, die dem Baukomplex etwas Burgartiges verleihen. Sie erweisen sich jedoch bei näherer Betrachtung als subtil eingebettet in eine metaphorisch angedeutete Fensterrahmung. Im Vorübergehen verändert sich der Eindruck zu einer Schattenfugenstruktur, die entfernt an die Brisesoleils von Le Corbusier erinnert. Das Gebäude scheint in seinen oberen Etagen von einem steinernen Sonnenschutzgitter umzogen.
Wie die Fassade erschliesst sich auch die Gebäudegeometrie erst bei näherem Hinsehen. Im Grundrissrechteck sind zwei Quader gegeneinander versetzt angeordnet, der südliche Quader, der die juristische Fakultät aufnimmt, ist zurückgeschoben, derjenige der rechtswissenschaftlichen Fakultät zur Erschliessungsstrasse hin quergelagert. Beide Baukörper besitzen einen gemeinsamen Zugang über eine als Scharnier dienende Terrasse, die den Studenten zugleich als Aufenthaltsbereich dient. Eine zum Vorplatz geschosshoch verglaste Eingangshalle erschliesst die beiden Fachbereiche und eine gemeinsam genutzte Bibliothek. Im Inneren finden sich vielfältig gestaltete Raumzonen. Diese ordnen sich dem durchgehenden Prinzip kubischer Lotrechtigkeit unter, das auch die Gesamtkonzeption bestimmt.
Die Ausstattung der Lobby scheint fast zu edel für eine studentisch-universitäre Nutzung. Ein frei stehender Treppenaufgang mit Brüstungen aus Eichenholz führt auf eine umlaufende Balustrade im ersten Obergeschoss und zu den Seminarräumen. Marmorböden und Ledersitzbänke mit niedrigen Tischen laden zum Verweilen ein. Diese Inszenierung mutet wie das Foyer einer Bank an. Doch erinnert sie auch an die grosszügige Eingangshalle, die Ferdinand Kramer einst für die zwischen 1959 und 1964 erbaute Stadt- und Universitätsbibliothek des Campus Bockenheim entworfen hatte. Auch dort wirkte die geschosshohe Verglasung der hinter einem Arkadengang zurückversetzten Lobby elegant. – Die neue Fachbereichsbibliothek ist auf zwei Ebenen angesiedelt, die um einen längsrechteckigen, mit Bäumen bestandenen Innenhof verlaufen. Sie bietet 1000 Leseplätze und ist in verschiedene Raumzonen mit jeweils eigenen Sitzordnungen unterteilt. An den Längsseiten zum Innenhof entsteht ein durchgehender Raumzusammenhang mit eingehängten Bodenplatten, die vor den über zwei Stockwerke reichenden Fenstern zur unteren Lesesaalebene hin offen sind und Durchblicke zulassen.
Dennoch gibt es keine fliessenden Übergänge. Immer bleibt die Raumkubatur nachvollziehbar. Die grosszügige Befensterung der Saalbereiche kommt an den Innenhoffassaden fast einer Vollverglasung gleich – doch eben nicht ganz. Denn die Fenster sind auf der Wandinnenseite einzeln in breite Holzrahmen eingebettet. Die Treppenabgänge vor den Fensterfronten werden mit ihren massiven Brüstungen aus Eichenholz zu eigenständigen Raumkörpern und vermitteln zusammen mit den anderen Ausstattungselementen den Eindruck von Gediegenheit und Ruhe.
Der Innenhof befindet sich ein Stockwerk tiefer auf Untergeschossniveau. Wenn man sich dort befindet, wähnt man sich noch immer im Erdgeschoss. Unweigerlich hat man sich an den Bäumen im Innenhof orientiert und ist auf angenehme Weise getäuscht worden. Geschickt konnte so der untere Bereich des Lesesaals mit Tageslicht und Naturgrün versorgt werden. Die grossen, über beide Lesesaalebenen verlaufenden Fensterflächen bieten aussen einen ebenso überraschenden Kontrast zu den schmalen Fensterschlitzen in den darüber aufgehenden Verwaltungsstockwerken.
Der hellgraue Travertin der Fassaden korrespondiert mit einem Bodenbelag aus Kirchheimer Muschelkalk, wodurch eine steinerne Landschaft im Aussenbereich entsteht, mit einer Rampe als Behindertenzugang, einer Mauer als Markierung der Grundrissgrenze und breit gelagerten Steintreppen. Das Gebäudeensemble wird so zu einer kubisch strukturierten Einheit, die Innen- und Aussenräume gleichermassen einbegreift. Als Erweiterung einer Cafeteria ist die Terrasse mit Steinbänken möbliert, die wie Sarkophage anmuten. Unter der hellen Sonne gibt es hier im Sommer keinen Schatten. Unweigerlich erinnert dies an die skulpturalen Landschaften Le Corbusiers in Chandigarh oder an die ins Unendliche laufenden Strassen und Plätze in den Gemälden Giorgio De Chiricos. Es sind die Studenten, die den Vorplatz beleben und sich unter der grossen, alten Eiche treffen, die möglicherweise der Grund für die asymmetrische Gebäudeanordnung war. Die Architektur wird zu einer dezent zurückhaltenden Hintergrundfolie für das universitäre Leben.
Insgesamt treten die Bauten des neuen Campus vor dem historischen Poelzig-Gebäude zurück und nehmen gezielt dessen Formvokabular auf. Sie wagen nicht das Spektakuläre oder Aussergewöhnliche. Thomas Müller und Ivan Reimann allerdings ist es innerhalb dieses eng gesteckten Rahmens gelungen, eine gestalterisch wirkungsvolle Architektur vorzulegen. Es verwundert daher nicht, dass die beiden Berliner Architekten bereits einen weiteren Wettbewerb für die gesellschaftswissenschaftliche Fakultät für sich entscheiden konnten, die in einem zweiten Bauabschnitt realisiert werden soll.
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