Donnerstag, 17. Mai 2012, 23:38:13 Uhr, NZZ Online
Carsten Krohn
Die Sicherheitsvorkehrungen machen heute Botschaften zu Festungen. Allein an den umlaufenden Zaun werden derart hohe Anforderungen gestellt, dass er demonstrativ in Erscheinung tritt. Das Gegenteil von einer abweisenden Geste hat der Berliner Architekt Holger Kleine propagiert und so den Wettbewerb für die deutsche Botschaft in Warschau gewonnen. In demjenigen Teil der Stadt, den einst die deutschen Besatzer zum Polen-freien Gebiet erklärt hatten, wurde von der Architektur eine versöhnende Geste erwartet, und der Architekt versprach eine Symbiose aus Gebäude und Garten.
Der Bau präsentiert sich zunächst als eine Komposition unterschiedlicher Elemente. Wie bei übereinandergestapelten Bauklötzen liegt ein gläserner Körper weit auskragend auf einem rauen Sockel. Der schlichte Verwaltungstrakt, dem die horizontalen Fensterbänder einen strengen Ausdruck verleihen, ist mit gewöhnlichem Duschkabinenglas verkleidet, dessen geriffelte Oberfläche ihren Charakter im Licht verändert. Auch die Materialität des Sockels kann erst bei genauerer Betrachtung erfasst werden. In grün gefärbte Betonplatten ist ein Ornament aus Efeublättern eingeprägt.
Die artifiziellen, ursprünglich aus Styropor geschnittenen Blätter sind so arrangiert, dass das Relief je nach Lichteinfall anders erscheint. Die gemusterte Haut zieht sich wie eine Tapete durchs Foyer bis in den Garten, um dort die Baukörper der privaten Botschafterresidenz zu ummanteln. Der künstliche Bewuchs ist zudem mit wildem Wein berankt. Das Thema der Verschmelzung von Gebautem und Gewachsenem haben die Berliner Landschaftsarchitekten Topotek 1 aufgegriffen, indem sie den Garten als Wiese gestalteten, mit sich windenden Wegen aus Kunstrasen.
Der Bau hebt sich schon allein durch seine grüne Farbe von der noblen Nachbarschaft am Rande des grossen Lazienki-Parks ab und tritt mit einem eigenwilligen Ausdruck auf. Aber er bettet sich dennoch in die Umgebung ein. Bei fortschreitendem Bewuchs der Fassade wird der Tarneffekt noch verstärkt werden. So ist der Bau zugleich zurückhaltend und kann sogar, verglichen mit der ein paar Jahre zuvor gebauten niederländischen Botschaft, als bescheiden angesehen werden. Erik van Egeraat schuf eine organisch geformte und exzentrisch überhöhte Zaunskulptur, durch die schliesslich doch jeder in den Garten eintreten darf. Die Offenheit wurde mit einem freistehenden Wachpostenhäuschen erkauft, das eine surreale Atmosphäre erzeugt, in einer Nachbarschaft, in der hinter umlaufenden Mauern uneinsehbare Grundstücke liegen.
Der Versuch, mit expressiven Architekturformen alte Herrschaftssymbole zu brechen, hat auch die städtebauliche Diskussion in der polnischen Hauptstadt geprägt. Anstatt den gehassten, von Stalin geschenkten Kulturpalast – ein gigantischer, zum Hochhaus aufsteigender Komplex im Zuckerbäckerstil – abzureissen, soll er nun von spektakulären zeichenhaften Türmen umzingelt werden. Auch wenn bereits Daniel Libeskind und Zaha Hadid Entwürfe präsentierten, darf deren Realisierung in Zeiten der allgemeinen Wirtschaftskrise angezweifelt werden.
Das Gegenmodell zu einem monolithischen Objekt erreichte Holger Kleine durch das konzeptionelle Nebeneinanderstellen von Gegensätzen, von künstlich und natürlich, von glatt und rau oder von sachlich und verspielt. Es entstand ein komplexes Gefüge eines Sowohl-als-auch, das in jede Richtung ein anderes Gesicht zeigt. Auch wenn bei Botschaftsbauten Hochsicherheitsschleusen getrennte Bereiche voneinander abschotten, hat der Architekt hier durchlaufende Wege als architektonische Promenaden inszeniert. So findet sich ein gestalterischer Höhepunkt im virtuos verschachtelten Treppenhaus, das als Balkon expressiv durch die Fassade nach aussen bricht.
Zwar werden die repräsentativen Säle nur bei grösseren Feierlichkeiten zusammengefasst, so dass ein freies Wandeln die meiste Zeit über nur suggeriert wird, aber dennoch ist die zur Schau gestellte Offenheit und Zirkulation auch ein politisches Zeichen. Verglichen mit dem Wettbewerbsentwurf konnte der Architekt seine Pläne eines fliessenden Raumkontinuums ohne Abstriche umsetzen und auch eigene Möbel entwerfen. So unterstreicht dieser Bau ein Phänomen der Architektursituation in Deutschland, dass sich viele der talentiertesten Architekten insbesondere im Ausland entfalten können (NZZ vom 21. 7. 08).
Die ungewöhnlich eingesetzten Materialien ziehen sich wie Bänder durch den Raum und lassen die Übergänge nicht abrupt erscheinen. Bereits vor dem Eintreten ins verglaste Foyer bietet sich den Besuchern durch eine weitere panoramaartige Öffnung ein Blick in den Garten, von dem eine geschwungene Rampe wieder zurück auf den Sockel des Gebäudes führt. Bei genauerer Betrachtung geht das Haus selbst in die Rampe über und wendet sich mit einer umarmenden Geste in Richtung des angrenzenden Parks.