Donnerstag, 17. Mai 2012, 23:39:21 Uhr, NZZ Online
Kai-Uwe Scholz
Wie ein Haus sieht es nicht aus. Ein langer schmaler Baukörper begrenzt die Südseite des Allerheiligenplatzes, des Plac Wszystkich Świętych, im Zentrum von Krakau. Aussen trägt das Gebäude eine Klinkerfassade – in jenem tiefen Rot, in dem auch die Ziegelmauern der umliegenden Kirchen und des Königsschlosses, des Wawel, in der Abendsonne glühen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch: Das Klinkerkleid ist geschlitzt. Die Ziegel sind nicht in festem Verbund gemauert, sondern auf vertikal angeordnete Stahlstangen gesteckt worden. Entstanden ist so eine Art Perlenvorhang, dessen Zwischenräume Ein- und Ausblicke gewähren. Betritt man das Innere, wird der Blick sogleich nach oben gezogen. Drei in Fassadenausschnitte eingelassene Jugendstil-Glasfenster zeigen polnische Nationalheilige. Der hohe Innenraum wirkt wie eine sakrale Halle. Doch dient der Bau ganz profanen Zwecken: als Infostelle des städtischen Fremdenverkehrsamtes und als Ausstellungsraum.
Mit dem vor zwei Jahren vollendeten «Pawillon Wyspiański 2000» ist dem Krakauer Architekten Krzysztof Ingarden ein ungewöhnlicher Kunstgriff geglückt. Jahrzehntelang hatte das schmale Grundstück brachgelegen – an einem der sensibelsten Orte Krakaus: der Ulica Grodzka, dem vom Wawel zum Hauptmarkt führenden Königsweg, direkt vor dem Eingang des Rathauses. An dieser Stelle war 1939 das Haus «Zur kleinen Linde» (Pod Lipka) abgerissen worden. Als Krakau europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2000 war, kam der Gedanke auf, die Leerstelle im Stadtgefüge für ein Infozentrum zu nutzen. Zugleich sollten dort die Glasfenster des Krakauer Jugendstilkünstlers und Multitalents Stanisław Wyspiański präsentiert werden, die ursprünglich für die Wawel-Kathedrale vorgesehen gewesen seien, berichtet der Architekt, der bei Arata Isozaki gearbeitet und auch an dessen Manggha-Kunstzentrum in Krakau mitgewirkt hat.
Obwohl Ingardens Bau nur eine Lücke schloss, gab es Proteste und Widerstand. Allein das Genehmigungsverfahren zog sich über vier Jahre hin, so dass der Pavillon erst zum 100. Todestag Wyspiańskis 2007 fertiggestellt werden konnte. Doch hat sich die Mühe gelohnt. Der Pavillon setzt einen neuen Akzent im Zentrum der Stadt und verbindet gleichermassen Tradition und Moderne, ästhetisches Erlebnis und praktischen Nutzen.
Von weitreichenden Kriegszerstörungen und umfassenden Stadtumbauten blieb Krakau verschont. Die Nazis planten zwar ein gigantomanisches deutsches Regierungsviertel auf der dem Wawel gegenüberliegenden Weichselseite. Glücklicherweise brach deren Herrschaft zusammen, bevor der erste Spatenstich getan werden konnte. Den Sozialisten war Krakau in der Nachkriegszeit als katholisch-konservative Hochburg ein Dorn im Auge. Gleichsam als städtebauliches Gegenmodell wurde im Osten der traditionsreichen früheren Kapitale seit 1949 eine fast schon futuristisch anmutende Arbeiterstadt errichtet: Nowa Huta. Heute ist die ohne eine einzige Kirche geplante und auf ein riesiges Stahlwerk ausgerichtete Industriestadt ein Teil von Krakau. Kurioserweise nehmen die frühen Bauten der sozialistischen Planstadt durch demonstrative Anleihen Bezug auf die Altstadt Krakaus: Die Verwaltungsgebäude des Stahlwerks tragen Zinnen wie die Wehrmauern auf dem Wawel-Hügel, Wohngebäude weisen Arkaden auf wie die Tuchhallen auf dem Hauptmarkt; und die Hauptverkehrsachsen Nowa Hutas laufen auf den (Torso gebliebenen) Plac Centralny zu.
«Selbstverständlich gibt es auch in Krakau hervorragende Beispiele für klassisch modernes Bauen», sagt Andrzej Wyżykowski, Chefarchitekt der Stadt, und verweist auf Werke im Stil der Neuen Sachlichkeit, etwa von Adolf Szyszko-Bohusz, Stefan Strojek und Fryderyk Tadanier oder auch von Ludwik Wojtyczko, die aus den zwanziger und dreissiger Jahren datieren. Im Krakau der Nachkriegs- und Vorwendezeit tat sich allerdings nur wenig. In den neunziger Jahren wurden dann in einer ersten grossen Welle neben Wohn- und Bürogebäuden vor allem Kirchen, Shopping Malls und Autohäuser errichtet – «ausserhalb des Zentrums und leider meist ohne Wettbewerbsausschreibung», sagt Andrzej Wyżykowski mit bedauerndem Blick auf die sehr unterschiedliche Qualität der Bauten.
Dem wollen die Stadt und die Woiwodschaft Małopolska (deren Provinzhauptstadt Krakau ist) entgegenarbeiten. Im Projektkatalog «Krakow Architecture 2012», in welchem zahlreiche, auch weit über 2012 hinaus geplante Vorhaben vorgestellt werden, fällt der hohe Anteil von öffentlichen Einrichtungen und Kulturbauten ins Auge. So sind hier ein neues Kongresszentrum, zwei Hochschulbibliotheken, drei grosse Sporteinrichtungen sowie ein halbes Dutzend Museen und Galerien aufgelistet. Zeichnet man die künftigen Baustellen in den Stadtplan ein, hat es fast den Anschein, als sollten gezielt Bereiche ausserhalb des Altstadtkerns durch ambitionierte Neubauten aufgewertet werden. So soll etwa am Weichselufer im Süden der Stadt ein früheres Kraftwerk mit einem spektakulären Gebäudebügel überbaut und als Dokumentationszentrum für das Werk des Theaterregisseurs, Malers und Kunsttheoretikers Tadeusz Kantor eingerichtet werden. «Die Stadt soll kein Museum sein, sondern sich weiterentwickeln», sagt Krzysztof Markiel, der für architektonische Vorhaben der Provinzregierung zuständige Direktor für Kultur und Tourismus. Auch ausserhalb der Altstadt gelegene Neubauobjekte müssen allerdings Bezug auf den architektonischen Kontext nehmen.
Wie schwierig es ist, diesen Ansatz optimal umzusetzen, dokumentiert die im Dezember vergangenen Jahres eröffnete Opera Krakowska von Romuald Loegler. Der 1940 geborene Loegler, Begründer der Krakauer Architekturbiennale, ist einer der renommiertesten Architekten Polens. In Krakau hat er so prominente Gebäude wie die Kirche St. Hedwig und den Erweiterungsbau der Jagiellonen-Bibliothek errichtet. Mit dem Campus der Wirtschaftshochschule führte er postmoderne Formen ein. Zu seinen gelungensten Schöpfungen gehört die Abdankungshalle auf dem Krakauer Friedhof Batowice. So unterschiedlich diese Formfindungen sind, wirken sie in ihren Ausformungen doch in sich geschlossen.
Für Loeglers neues Opernhaus kann das nur bedingt gelten. Das Ensemble besteht aus drei Elementen. Direkt an der Ulica Lubicz hat Loegler einen zweigeschossigen, ganz in Grün gehaltenen Foyerbau errichtet. Er soll die Bauform der früher hier befindlichen «Operetka» übernehmen und so an die Traditionen des Ortes anknüpfen, mutet mit seinem abgeflachten Tonnendach aber eher wie eine Bahnhofshalle an. Etwas zurückliegend ragt das eigentliche Bühnengebäude empor. Das in Rot gehaltene Bauwerk erhebt sich über einem tortenstückförmigen Segment des Foyers – eine Lösung, die Loegler 1987 schon einmal beim Entwurf eines Einfamilienhauses durchexerziert hat. Im rechten Winkel schliesst sich das Verwaltungsgebäude an, dessen Fensterbänder mit farbigen Profilen abgesetzt sind (und auch in die rückwärtig gelegene Ulica Topolowa noch ein wenig Farbe bringen). Die Winkelform soll offenbar als eine Antwort auf das benachbarte, ebenfalls auf einem winkligen Grundriss erbaute Verwaltungsgebäude der polnischen Staatsbahn verstanden werden.
«Die ungewöhnliche Farbgestaltung war sicherlich ein Schock für die Krakauer», räumt Loegler ein. Dass der Bau kritische Reaktionen hervorrief, ist jedoch gewiss auch seiner ungünstigen Lage und Ausrichtung an einer der Ausfallstrassen Krakaus geschuldet. Nicht zur Stadt, sondern zum Rondo Mogilskie hin wendet sich der Komplex – einem gigantischen Verkehrskreisel, hinter dem schon die Plattenbauten des Stadtviertels Grzegórzki aufscheinen. Als das neue Haus im Dezember mit einem Werk von Krzysztof Penderecki eröffnet wurde, lobte der Komponist die exzellente Akustik und festliche Farbgebung des Bühnenraums. Bei seiner Ankunft jedoch – so wird kolportiert – soll er gefragt haben, wo denn überhaupt der Eingang zu finden sei.
«Bilbao auf Polnisch» überschrieb die Kritikerin Berenika Partum einen Bericht über den Boom neuer Kunstmuseen in Polen. Zumindest für das Museum für moderne Kunst in Krakau sind exzentrische Gesten à la Gehry allerdings nicht zu erwarten. Die städtische Sammlung soll auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik Oskar Schindlers im südöstlich gelegenen Stadtteil Podgórze untergebracht werden (wo der Fabrikant während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Deportation in die Vernichtungslager bewahrte). Während im bereits renovierten Verwaltungsbau eine Dokumentation zur «Fabryka Schindlera» gezeigt wird, werden die rückwärtigen Produktionsgebäude zu Ausstellungsräumen des Krakauer «MoMA» und zu Ateliers für «Artists in Residence» umgebaut. Dabei sollen notwendige Ergänzungen wie die eines eigenen Eingangsbereichs in zurückhaltender Formensprache ausgeführt werden, soll möglichst viel der originalen Bausubstanz erhalten bleiben. «Die Sheddächer sind uns als Symbole der Industriearchitektur besonders wichtig,» sagt Annalisa Tronci vom Büro Claudio Nardi in Florenz, von dem die Umbaupläne stammen.
Auf vorgegebene Dachformationen nimmt auch Krzystof Ingarden beim Entwurf des Kunst- und Medienzentrums der Region Małopolska Bezug, das im westlichen Stadtteil Nowy Świat an der Ulica Rajska entstehen wird. Der Komplex soll von einer komplexen Dachlandschaft überwölbt werden, deren Einzelflächen unterschiedliche Neigungswinkel zwischen 10 und 30 Grad aufweisen – und damit die Dachformen der kleinteiligen historischen Bebauung ringsum aufnehmen. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau der beiden Ausstellungsgebäude begonnen werden.
Dass auch ohne solch direkte Bezüge zum Kontext sinnfällige, sich perfekt in den jeweiligen Kontext einpassende Strukturen entstehen können, zeigt das bereits weit fortgeschrittene neue Hauptgebäude des Luftfahrtmuseums auf dem alten, im Osten der Stadt auf halbem Weg zwischen Zentrum und Nowa Huta liegenden Flughafen Rakowice-Czyżyny. Das Berliner Büro Pysall und Ruge nahm das Modulmass der alten Hangars, eine quadratische, 60×60 Meter grosse Grundplatte, als Ausgangspunkt für seine Planungen. Vorgeschrieben war lediglich eine Maximalhöhe von zwölf Metern. Statt den dergestalt definierten Raum einfach in Kastenform zu umbauen, tüftelte das Berliner Team in Zusammenarbeit mit dem Krakauer Architekten Bartłomiej Kisielewski so lange, bis sich eine geniale Lösung auftat. «Wenn man ein quadratisches Dach an drei Seiten einschneidet und origamiartig nach unten faltet, entsteht ein sich nach aussen öffnendes Flügeldreieck», erläutert Justus Pysall. Das zeichenhafte, an Windräder oder Propeller gemahnende Gebilde scheint zudem perfekt auf das geforderte Raumprogramm zugeschnitten zu sein. Die im grossen Nordflügel geparkten Flugzeuge, die auf Renderings bereits zu sehen sind, wirken wie nur untergestellt, jederzeit bereit, zur Startbahn des alten Flughafens zu rollen.
Sein Verständnis für vorgefundene Gefüge und Kontexte hat Michał Szymanowski mit der feinsinnigen Neugestaltung des Maria-Magdalenen-Platzes an der Ulica Grodzka und eines der zahlreichen Forts rund um Krakau unter Beweis gestellt. Beim Entwurf des ganz im Nordosten der Stadt am Rondo Barei geplanten zentralen Standesamts konnte er eine eigenständige Formensprache entwickeln. Die auffällige, an ein Lochkartenmuster erinnernde Fassade kommt dadurch zustande, das Szymanowski die Fenster völlig unregelmässig in die Aussenwände einsetzte. Die Realisierung des ungewöhnlichen Projekts soll noch 2009 in Angriff genommen werden. Bei dem Amtsgebäude handelt es sich zwar um ein städtisches Projekt, doch gefallen auch Krzystof Markiel von der Regionalregierung solch unkonventionelle Ansätze. Markiel träumt von einer neuen Philharmonie. «Wir brauchen mehr Freiräume für künstlerische Experimente», sagt er. Markiel bezieht diesen Wunsch auf die Musik. Es könnte aber sein, dass er insgeheim die ganze Stadt meint.