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  • 19. Februar 2010, NZZdomizil

    Das Wesen der Dinge

    Das Wesen der Dinge

    Ein Atelierbesuch bei Chris Kabel in Rotterdam

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    Der niederländische Designer Chris Kabel liebt es, Dinge in ihre Funktionen und Bedeutungen zu zerlegen, um herauszufinden, was jenseits der Konvention möglich ist.

    Marie-Sophie Müller

    Rotterdam ist ein Spielplatz für die Architektur-Avantgarde. Weil hier nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie nichts mehr übrig war vom historisch-pittoresken Stadtbild, wurde neu gebaut. Und wie: Ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit machte Platz für das Experiment Architektur, das sich hier an jeder Ecke zeigt. Diese Alles-Ist-Möglich-Atmosphäre, die Rotterdam ausstrahlt, beschränkt sich nicht nur auf die Architektur – auch Kunst und Design sind allgegenwärtig und auf eine speziell lässig-holländische Art verfügbar und zugänglich. Wer beispielsweise das neu gestaltete Foyer des Museum Boijmans van Beuningen betritt und seinen Mantel in Wieki Somers Wardrobe Carousel hängt, nimmt unmittelbar Teil am Event Kunst. Der Rotterdamer Designer Chris Kabel sieht dabei die Gefahr der Entmystifizierung: «Für die Niederländer gehört Kunst und Design so sehr zum öffentlichen Leben, dass sie gar nicht auf die Idee kämen, sich ein Kunstwerk oder ein Design-Objekt kaufen zu wollen. Kunst gibt es ja geschenkt. Es fehlt der Respekt.»

    Da hilft auch nicht, dass es in Holland eine Stiftung gibt, die den Kunstkauf auf Raten ermöglicht und die anfallenden Zinsen deckt. Es müssen also kauflustige Ausländer in die Stadt – ganz besonders an diesem Wochenende, an dem die überschaubare aber ambitionierte Art Rotterdam lockt. Seit zwei Jahren ist der Kunstmesse mit Object Rotterdam eine Plattform für Design angeschlossen, bei der in diesem Jahr rund 20 Galerien zeitgenössisches Design in limitierter Auflage zeigen. Für Reyn van der Lugt, Jurymitglied des Rotterdam Design Prize, genau der richtige Ort:«In Rotterdam gibt es bezahlbaren Raum, in dem Designer ihre Ateliers und Werkstätten einrichten. Erst studiert man an der Akademie in Eindhoven und sobald man das Zeugnis in der Hand hat, zieht man nach Rotterdam. Der klassische Werdegang eines niederländischen Designers.»

    In Eindhoven studieren, in Rotterdam arbeiten

    Exakt diesen Weg ist auch Chris Kabel gegangen, der 2007 sein Atelier in einem ehemaligen städtischen Kulturzentrum bezogen hat. Er und einige andere Kreative können das Haus für eine minimale Miete nutzen, müssen sich aber darauf einstellen, es jederzeit wieder verlassen zu müssen, so der Deal. Diese räumlichen Gegebenheiten bestimmen in gewisser Weise den Charakter, der hier entstehenden Arbeiten. Man muss sich mit dem Zustand der Unsicherheit anfreunden, flexibel sein und umdenken können, die Vorteile des Unbequemen entdecken. Chris Kabel entspricht diese Art zu arbeiten. Ihm gefällt es, Dingen, denen man längst eine Funktion zugeschrieben hat, etwas Neues zu entlocken, sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten und auf diese Art zu würdigen. Und das Erstaunlichste daran: Das Produkt, das aus diesem komplexen Konzeptionsprozess entsteht, wirkt am Ende so unprätentiös und selbstverständlich als sei es schon immer da gewesen. Dem 34-jährigen gelingt es, Materialien zu erforschen und ihre Anwendungsmöglichkeiten auszureizen. Für den Seam Chair, der allein aus gehärtetem Polypropylen besteht, aber durch die technische Verwendung eine stoffliche Präsenz erhält, gewann Chris Kabel im Rahmen der Designwoche Eindhoven den Doen Material-Preis.

    Forscher und Perfektionist

    Im Moment ist Chris Kabel über jeden Besuch glücklich, der ein oder auch zwei Tassen Kaffee trinkt. In einem grossen Eimer bewahrt er den durchtränkten Kaffeesatz auf, um ihn für die Arbeiten an seinem nächsten Projekt zu verwenden: Eine Kaffeebar für das Witte de With Center, die im Rahmen der Ausstellung Shared Space voraussichtlich Ende April aufgebaut wird. Noch ist das Projekt in der Entwicklungsphase, wie ein Miniatur-Modell auf Chris Kabels Arbeitstisch zeigt. Die Bar soll mit dem per Epoxi-Kunstharz angemischten Kaffeesatz überzogen werden – die Kaffeemaschine gläsern sein. Hinter der Miniatur-Bar steht als ausgeschnittene Fotografie ein winziger Chris Kabel und betrachtet mit in die Hüfte gestemmten Armen sein Werk: «Das könnte auch jemand anderes sein, aber mir gefällt die Idee, dass ich als Miniatur-Chris mein Miniaturobjekt auf Augenhöhe beurteilen und weiterentwickeln kann.» An den Proben für die Kaffeesatz-Beschichtung ist der kluge Effekt, der Kabels Arbeiten ausmacht, abzulesen: Die Materialiät, obwohl so nie gesehen, ist warm, natürlich und schon vertraut. Die Textur von Kaffeepulver ist schliesslich jedem von uns bekannt.

    Im Flur steht geduldig wartend der Mesh Chair bereit, um, in einer grossen Holzkiste verpackt, seinen Weg nach Übersee anzutreten, wo er von einer wichtigen amerikanischen Institution – die zu diesem Zeitpunkt noch nicht genannt werden darf – begutachtet werden soll.Wie selbstverständlich fügen sich seine Beine an den Rumpf, biegt sich das Metallgeflecht zu satten Rundungen. Ausgangspunkt für den Mesh Chair war ein zweidimensionales Schnittmuster. Erst durch das Zusammenfügen und Formen der Einzelteile entstand seine Körperlichkeit. Chris Kabel betrachtet seinen Sessel von allen Seiten. Auch wenn er ihn schon mehrere Jahre kennt, wird er nicht müde ihn zu begutachten: Durch die Überlagerung der Maschen ergibt sich je nach Blickwinkel eine andere Gestalt. Vielleicht ist das Vollkommenheit.Der Forscher und Perfektionist stützt die Arme in die Hüften und sieht zufrieden aus.

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