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  • 11. Mai 2011, NZZdomizil

    Die Schönheit des Unperfekten

    Die Schönheit des Unperfekten

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    Die Berliner Designerin Judith Seng. (Bild: Steven James Scott)
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    Judith Seng nimmt die Dinge nicht, wie sie sind, sondern denkt mit ihren Entwürfen darüber nach, wie sie auch anders sein könnten.

    Marie-Sophie Müller

    Müsste man einem designinteressierten Berlin-Besucher in ein paar Stichpunkten erklären, wer Judith Seng ist, dann könnte das folgendermassen aussehen: 1996 aus Karlsruhe nach Berlin gekommen, um bei Hans (Nick) Roericht an der Berliner Universität der Künste zu studieren, war sie die erste nicht-französische Praktikantin der Brüder Bouroullec, ist als Designerin vor allem am konzeptionellen Ansatz, an interessanten Fragestellungen und Materialexperimenten interessiert, wird international ausgestellt, kollaboriert mit Künstlern, Köchen, Tänzern, Modedesignern, Architekten und Manufakturen, lebt und arbeitet in einem riesigen Fabrik-Loft in Kreuzberg. Den berlin- und kulturbegeisterten Besucher würde nach dieser Beschreibung die Neugier kitzeln, und er würde gerne ihre Produkte kennenlernen.

    Der Besuch bei Judith Seng beginnt am Küchentisch. Er ist gross und aus Holz, und jeder der neun Stühle, die ihn umgeben, sieht anders aus. Das Perfekte reizt die 36-Jährige wenig. Es gibt einfach mehr zu entdecken, wenn Dinge, Materialien oder auch Personen aufeinandertreffen, die sonst nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. Man lernt voneinander und bleibt wach. Gerade eben ist Seng für ein Stipendium der Graduate School der Universität der Künste ausgewählt worden, das ihr erlaubt, ihr nächstes Aufeinandertreffen der besonderen Art umzusetzen: Design und Tanz. Für ihr Projekt «Acting Things», dessen erste Etappe am 24. Juni 2011 im Theater Hebbel am Ufer stattfinden wird, ernennt sie die Werkstatt zur Bühne.

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    . Bilderstrecke: Objekte von Judith Seng
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    Sengs Arbeiten sind Augenöffner, die unseren an der Konvention geschulten Augen zeigen, dass es auch anders geht. Ein gutes Beispiel dafür ist ihre Kollektion «Hide and Show» – Garderobe und Schrank, die die Kleidung nicht verbergen, sondern zum Bestandteil des Designs machen. Auf diese Weise wird das Möbel zum Rahmen für die individuelle Garderobe und sein Nutzer zum Mitgestalter. Oder ihre Tischfamilie «Patches»: Wer sagt denn, dass ein Tisch aus einer fixen Fläche bestehen muss? «Patches» besteht aus vier kleinen Tischen, die sich durch unterschiedliche Oberflächenmaterial und Features voneinander abheben. Je nachdem, ob am Tischensemble gearbeitet, gegessen oder gespielt werden will, ergibt sich ein neues Patchwork.

    Im grossen Wohn- und Arbeitsraum arbeiten zwei Praktikanten und Sengs Freund Alex Valder, der ebenfalls Produktdesigner ist. Ein Fotograf aus den USA, der die beiden gerade für ein paar Monate besucht, hat sich in einer Ecke ein ganzes Studio eingerichtet. Und überall stehen Tische. Andere Designer haben ein Faible für Stühle, Judith Seng liebt offensichtlich Tische; seien es variable, wie «Patch», riesige, wie den Holztisch «Rise» mit der hochglänzenden, knallfarbigen Oberflächenlackierung oder fragile, wie die wachsüberzogenen Vierbeiner, die für das Projekt «Ecdysis» entstanden sind. Bei «Trift» kann man sich streiten, was es eigentlich ist: Tisch, Hocker oder vielleicht Skulptur? Aus einzelnen Baumstämmen sägte die Gestalterin eine Gruppe kleiner Quader. Wie bei «Rise» verbindet sich hier die porenfreie Hochglanzoberfläche mit der Struktur des unlackierten Holzkörpers. Innerhalb eines Objekts wird das Ideal der Perfektion erreicht und im selben Moment in Frage gestellt. Zugleich wirft «Trift» die Frage nach der Nutzung auf: Wann ist etwas Objekt und wann Funktionsgegenstand? «Das alles klingt verkopfter als es ist. Die meisten Menschen haben sich diese Frage längst selbst beantwortet», meint Seng, «entweder sie bestellen einen Hocker, ein Tischchen oder eben eine Skulptur. So einfach ist das.»

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