
Freitag, 03. September 2010, 01:26:09 Uhr, NZZ Online
Von Zürich aus in die Welt
rkw
Sarah Kueng und Lovis Caputo haben viel Sinn fürs Praktische. Gesunden Menschenverstand haben sie auch, Humor und viel Fantasie sowieso. Sarah Kueng und Lovis Caputo machen «viel aus wenig». Das machen heute so einige, Understatement und Improvisation sind momentan megachic (und bleiben meist blosse Attitude).
Doch die Zürcherinnen Sarah Kueng und Lovis Caputo haben bereits «viel aus wenig» gemacht, da versuchten die meisten anderen noch, mit Hochglanz und Perfektion zu bestechen. An der Mailänder Möbelmesse 2007 zum Beispiel. Am Salone Satellite bauten sie damals ihr Five-Stars-Cadrboard-Hotel auf, schafften es, mit Kartonboxen, die zumindest von aussen dem glichen, das man gemeinhin als tristes Clochard-Refugium kennt, das ach so glamouröse Mailänder Messepublikum zu verzaubern: Was da an edlem italienischen Schuhwerk, an High-Heels und zart bestrumpften Beinen aus den fünf verschieden liebevoll ausgestalteten «Kartonsuiten» hervorlugte! Die Ausstellungsbesucher folgten der Einladung der Designerinen nur zu gerne, sich für eine Weile hinzulegen, sich überraschen zu lassen und eine Auszeit zu nehmen vom Messestress. Das Mailänder Projekt war aus dem «72 hour hotel» hervorgegangen, einer Installation im Zürcher Güterbahnhof, die 2006 im Rahmen eines Seminars mit dem Titel «Hosting a Guest» an der Zürcher Hochschule der Künste enstanden war. Dort hatten die Designerinnen - ebenfalls mit Kartonsuiten und mit genauso grossem Erfolg wie in Mailand - versucht, «Lebensstile als Raumgefühl erlebbar zu machen».
«Wir reagieren gerne auf vorgegebene Situationen, arbeiten immer ortsspezifisch», beschreiben Sarah Kueng und Lovis Caputo ihre Vorgehensweise: «Und wir bewegen uns gerne an der Grenze zwischen Produktdesign und anderen Sparten, untersuchen die Grenzen und loten sie aus.» Abgehoben sind die beiden dabei keineswegs. Der Alltagsbezug, die Verständlichkeit und der praktische Aspekt fehlt ihren Arbeiten nie. Neben Produkten gestalten Sarah Kueng und Lovis Caputo auch Ausstellungen oder Räume wie das Corner College im Zürcher Veranstaltungsort La Perla. Mit einem Budget, das so ziemlich gegen Null tendierte, haben sie es geschafft, einen durchaus charmanten Ort für Vorträge, Mitagessen, Workshops und Filmvorführungen herzurichten.
«Google ist nichts für uns, wir orientieren uns an der Realität, die uns umgibt», sagt Lovis Caputo. Im Fall des Corner College hiess das etwa, dass - aus Spargründen halt - kurzerhand die ehemalige Kellertür zur Tischplatte, das Kellertürscharnier zum Schwenkarm einer Lampe und die Bretter der Estrichabteile zu Stuhlbeinen gemacht wurden. Praktischer gehts nimmer! Und schöner irgendwie auch nicht...
Kueng-Caputo:
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