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  • 1. September 2010, NZZdomizil

    Im Innern

    Im Innern

    Nina Levetts Kosmos der Dinge

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    Die Beziehung zwischen Mensch und Objekt ist das bleibende Thema der Arbeiten Nina Levetts. (Bild: Alex Gruebling)
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    Die Wiener Künstlerin Nina Levett entwirft Gebrauchsgegenstände für den Innenraum und thematisiert dabei die Rolle der Frau als funktional definiertes Haushaltsobjekt.

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    «Zum gepflegten Zuhause gehört eine hübsche Blumenvase auf dem Salontisch, eine Tapete, die nicht blättert und eine gut frisierte Frau.» Mit solchen und ähnlichen Vorstellungen beschäftigt sich die Wienerin Nina Levett in ihren Arbeiten und zeigt, wie alle drei – Vase, Tapete und Frau – zu gleichrangigen Objekten werden. Besonders deutlich wird dies im Projekt «Camouflage», das Levett vor Jahren im Rahmen einer Bewerbung für eine Modeschule begann und bis heute fortsetzt. «Das Prinzip der Camouflage», erklärt Levett, «besteht in der Wiederholung von Mustern.» Kleider, Accessoires, Tapeten, Geschirr und Fliesen versieht Levett mit ähnlichen oder sogar identischen, gezeichneten Motiven. Auf diese Weise verschmelzen die Gegenstände ineinander; jeder einzelne verschwindet in der Gesamtheit – auch der Mensch, der als nichts weiteres als ein Gebrauchsobjekt unter anderen erscheint. «Falls die Frau nicht gut frisiert ist», so schlägt Levett im Begleittext zu einem Kulturbeutel der Serie Alpine Poesy, einer frühen Arbeit des Camouflage-Projekts, vor, «lässt sich der Beutel ganz einfach über den Kopf der Frau stülpen.» Man wird sie nicht mehr sehen, wenn sie im gleich gemusterten Kleid vor der gleich gemusterten Tapete steht.

    Mit der Rolle der Frau als Ding, als Haushaltsobjekt und – allgemeiner – mit der Beziehung zwischen dem Menschen und den Objekten, die ihn umgeben, setzte sich Nina Levett bereits während ihres Betriebswirtschaftsstudiums auseinander. Später studierte sie Architektur und zog daraufhin nach Italien, wo sie zusammen mit dem Vater ihrer beiden Kinder eine Dienstleistungsfirma für Softwareverlage gründete. Vor gut fünf Jahren schliesslich kehrte Levett nach Wien zurück und begann, Produkte für die Einrichtung von Innenräumen zu entwerfen und selber herzustellen.

    Schicht um Schicht

    Zu den Arbeiten aus dieser Zeit gehören die «movable wallpapers», handgemalte Wandpaneelen aus Holz, die sich ähnlich wie Fliesen zu grösseren Einheiten zusammenfügen lassen. Wandpaneelen stellt Levett noch heute in Zusammenarbeit mit einer Schreinerwerkstatt her. Allerdings sind die grossflächigen Punkte, welche die ersten Entwürfe zierten, feingliedrig gezeichneten Motiven gewichen. Menschen, Köpfe ohne Gesichter und Haare, Ranken, Insekten, Blumen, kopulierende Körper und Spermien fügen sich zu meist asymmetrischen Ornamenten. Mittels Sieb- oder Digitaldruck werden sie in mehreren Schichten auf Holz, papierne Tapeten und Textilien gebracht und mit Folien auf teilweise bereits geblümtes Geschirr appliziert, das Levett auf Flohmärkten zusammenträgt oder selbst herstellt. Als Nina Levett die ersten Tapeten malte, hatte sie kaum Maschinen zur Verfügung. Heute stehen in ihrem Atelier in Wien ein Schneideplotter, eine Stickmaschine, ein Digitaldrucker, ein Brennofen und eine Bügelpresse. Etwa 50 Einzelstücke entstehen monatlich.

    Versucht man nun, anhand der gezeichneten Motive einzelne Phasen in Levetts Arbeit der letzten vier Jahre auszumachen, wird bald klar, dass man damit nicht weit kommt. Denn Levetts Gestaltungsprinzip lässt sich mit dem der Collage vergleichen. Nicht nur überlagern sich in den Geschirrserien vorgefundene Blütenmuster mit gezeichneten Ornamenten. Auch den eigenen Fundus an Motiven verwendet Levett wieder und wieder. Eine Schicht legt sich im Siebdruckverfahren über die andere, verbleibende Folien werden wiederverwendet und neu kombiniert. So kommt es, dass sich die Zeichnung eines Kirchturms auf einmal neben einer nackten Frau findet, die Grimassen schneidet – durch Zufall, wie Levett betont.

    Zweierlei Grenzen

    Wer sich ein einzelnes Objekt aus dem umfangreichen Schatz von Levetts Arbeiten herauspickt, mag im ersten Moment ein wenig ratlos sein. Weshalb, so könnte man sich etwa fragen, muss eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Fruchtbarkeit in der Gestaltung von Tellern münden, die mit goldfarbenen Spermienschwärmen versehen sind? Den Arbeiten Levetts wird man jedoch nicht gerecht, wenn man sie losgelöst vom Kontext, in dem sie stehen, betrachtet. Ein Kontext allerdings, der nicht nur zeitlich breit abgesteckt ist, sondern sich auch über die Grenzen der Medien hinweg erstreckt und jene Texte mit einschliesst, die Levett auf ihrer Website den jeweiligen Objekten gegenüberstellt: «Meine Grundfantasie betreffend dieser Texte ist, dass sie wie Beipackzettel funktionieren. Oder wie einzelne Seiten eines Romans. Nur wer alle Objekte sieht, kann die ganze Geschichte verstehen.»

    Als ein System von Querverbindungen und durchlässigen Membranen könnte man sich den Kosmos Nina Levetts vorstellen. Begrenzt wird dieser durch die klare Unterscheidung Levetts zwischen Innen- und Aussenraum: «Meine Arbeiten spielen sich immer im Innern ab. Ich entwerfe nie Dinge für Aussenräume. Alles andere aber», fügt sie hinzu, «lass ich passieren.» Im Innern des Kosmos scheinen Grenzen vor allem insofern eine Rolle zu spielen, als sie überschritten oder verwischt werden. Die Grenzen zwischen den Genres, zwischen Design und Kunst, zwischen Vorgefundenem und Eigenem, zwischen Bild und Text, Spielerei und Statement, Fiktion und Realität. Die Texte zu Levetts Arbeiten beispielsweise spiegeln sowohl Brüche aus ihrem eigenen Leben wie auch Lebenswege anderer Personen, aber auch Gedanken, die nicht direkt auf Erlebtes zurückgehen. «Meine Wirklichkeit wird nie so wirklich sein wie meine Arbeit», sagt Levett dazu. «Ich zweifle an der Wirklichkeit. Ich habe ein sichereres Gefühl für die Kunst als fürs Leben.»

     

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