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  • 7. Mai 2010, NZZdomizil

    Der Verwandlungskünstler

    Der Verwandlungskünstler

    Valentin Löllmann

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    Valentin Loellmann. (Bild: Jonas Loellmann)
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    Für seine Kollektion «past memories» verwendet Valentin Loellmann alte Möbelfundstücke und erweckt sie in einem anderen Kontext zu neuem Leben.

    Marie-Sophie Müller

    Letztes Jahr im Oktober, zwei Monate nach seinem Examen an der Kunsthochschule Maastricht musste Valentin Loellmann sich entscheiden: für die Nummer Sicher oder für das Risiko. Erwähle das Wagnis und mietete zusammen mit zwei Freunden einen riesigen Atelierraum an, ohne genau zu wissen, wie er die Miete für Wohnung und Atelier in den nächsten Monaten aufbringen würde.

    Das Problem löste sich keine drei Wochen später in Luft auf, als das amerikanische Label Anthropologie Loellmanns Arbeiten auf der Designweek in Eindhoven entdeckte und prompt alle bisherigen Kollektionen vom Fleck weg aufkaufte. Wenig später stand ein Spediteur vor dem großen Tor des Ateliers und schaffte alles heraus, was fertig aussah. Zum Abschied sagte der Mann: «Das ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich vorbeikomme», erinnert sich Loellmann und lacht. Plötzlich war ausser den Prototypen, die in seiner Wohnung stehen, alles weg. «Ich bin da nicht sentimental, allerdings würde mich schon interessieren, wer die Sachen kauft und wo sie ihre neue Heimat finden. Jedes der Möbel ist ein Einzelstück, auch wenn es einige in Variationen gibt. Ich habe gar kein Interesse an der Massenproduktion.»

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    . Bilderstrecke: Valentin Loellmann
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    Mehr Wesen als Möbel

    Dass jedes Stück nur einmal gibt, liegt schon im Konzept von «past memories» begründet. Für seine Kollektion durchstöberte Valentin Loellmann verlassene und heruntergekommene Villen und Fabrikruinen im benachbarten Belgien nach vergessenen Möbelresten. Zurück in Maastricht setzte er die Fundstücke neu zusammen und vervollständigte sie durch Elemente, die er anfertigte, wie z.B. die Schubladen bei der kleinen Kommode oder die seidenen Sitzpolster von Stuhl und Bank. Loellmann ließ sich beim «Zusammenwachsen» der Möbel von ihrer ursprünglichen Formensprache leiten, und schaffte es gleichzeitig, ihnen einen neuen Charakter zu verleihen. Die fertige Form wird zum Schluss mit einer schützenden und verstärkenden Polyesterschicht ummantelt. Entstanden sind keine klassischen Möbel sondern sonderbare Wesen: liebenswert, damenhaft-kaprizös und ein bisschen schüchtern. Die Kollektion «past memories» wirkt, als hätte man eine Gruppe von Stühlen, Tischen und Schränkchen bei einer heimlichen Party überrascht, so dass sie sich nicht mehr rechtzeitig in ihre ursprüngliche leblose Form zurückverwandeln konnten.

    Improvisieren: ausprobieren, verwerfen, neu anfangen

    Die unerwartete Finanzspritze aus den USA hat Valentin Loellmann in Werkzeuge investiert und sich eine Holzwerkstatt im Atelier eingerichtet. Obwohl alles fein säuberlich an seinen Platz geräumt ist – eine Holzstaubschicht verrät, wie viel hier gearbeitet wird. Ende letzten Jahres wurde der 27-jährige gebeten für ein kleines Privathotel im niederländischen Wahlviller Küchenzeilen für die Apartments zu entwerfen. Loellmann entschied sich für einen schlichten Unterbau aus altem Schiffsholz, das er bei einer kleinen Werft auftreiben konnte, und einer Arbeitsplatte mit eingelassenem Spülbecken aus rohem Beton. Vielleicht wird sich das einmal ändern, aber bis jetzt macht Valentin Loellmann jeden Arbeitsschritt selbst, was in diesem Fall bedeutete, dass er sich in kürzester Zeit das Arbeiten mit Beton aneignen musste. «Ich wundere mich immer noch, wie ich innerhalb weniger Wochen vier Küchen, Sideboards und Tische herstellen konnte», so der Designer «Aber ich arbeite einfach gerne, probiere alles aus, wenn’s sein muss, auch Tage und Nächte am Stück.»

    Ein Besuch in Valentin Loellmanns Maastrichter Wohnung offenbart noch einmal mehr das leidenschaftliche Prinzip der Neu-Arrangements, das seine Arbeiten ausmacht. In der Art, wie er Fund- und Erbstücke mit Flohmarkt-Entdeckungen und eigenen Kreationen zusammenstellt und seine Liebe zu (mitunter riesenhaften) Pflanzen, zeigt sich noch deutlicher als in der Arbeitsumgebung des Ateliers, dass Valentin Loellmann aus einer schier unversiegbaren Inspirations-Quelle schöpft. Er wird nicht müde, seine Wohnung zigmal zu verändern und schafft in immer neuen Zusammenstellungen Räume mit Charakter.

    Unverwüstliche Familienbande

    Valentin Loellmann ist zusammen mit seinen vier Geschwistern in Singen am Bodensee aufgewachsen. Sein Vater Uwe ist international bekannt für seine kunstvollen gebrannten Keramiken, die in Museen und Galerien gezeigt werden. Das war nicht immer so, es gab auch Zeiten, in der die Familie mit wenig Geld auskommen musste und das Improvisieren perfektionierte.

    Jedes der fünf Kinder hat einen künstlerischen Beruf gewählt. Es sind eigenständige Persönlichkeiten, die sich gegenseitig helfen, inspirieren, kritisieren und den Mut haben ihr Ziel auch durch schwierige Phasen hinweg zu verfolgen. Manchmal kommt es vor, das sich die Disziplinen der Geschwister treffen: Für die Bilder dieses Beitrags hat der Fotograf Jonas Loellmann seinen jüngeren Bruder besucht.

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