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  • 1. November 2009, NZZdomizil

    Die fabulöse Welt der Gesa Hansen

    Die fabulöse Welt der Gesa Hansen

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    Gesa Hansen in ihrer Wohnung in Paris. (Bild: Kristin Loschert)
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    An einem Schreibtisch, den sie selbst entworfen hat, entwickelt die Designerin Gesa Hansen den Rest ihrer Remix-Bande: Couchtische, Schrank und Rollcontainer. Gerade wurden die Prototypen der Möbelfamilie in ihrer Wahlheimat Paris angeliefert. Höchste Zeit für einen Hausbesuch.

    Marie-Sophie Müller

    Würde sie all die Ideen und Pläne, die ununterbrochen ihrem Kopf entspringen, in die Tat umsetzen, könnte Gesa Hansen problemlos drei ganze Menschenleben füllen und hätte noch immer keine Zeit zur Langeweile. Im ersten wäre sie Sängerin und würde mit ihrer Band um die Welt touren, im zweiten wäre sie ein Surfer-Mädchen, mit vom Salzwasser aufgerautem Haar, und im dritten Leben wäre Gesa Hansen Möbeldesignerin, die mit dem Finger prüfend über Oberflächen fährt, Holzmaserungen begutachtet und ein tolles Stück nach dem anderen entwirft. Da der 28-jährigen allerdings nur ein Leben vergönnt ist, muss sie eben alles in dieses eine hineinpacken.

    Als Spross einer Familie von Tischlern, Architekten und Möbeldesignern, im Sauerland geboren, wollte Gesa Hansen zuerst etwas ganz anderes als ihre Vorfahren machen. Doch dann packte auch sie die Lust am Design. Und so studierte sie an der Bauhaus Universität Weimar bei Axel Kufus und gründete in diesem Jahr in ihrer Wahlheimat Paris das Label »The Hansen Family«. Die erste Kollektion »Remix« entstand in Kooperation mit dem Archiv ihres Grossvaters, dem Dänen Heinrich Hansen. Die Enkelin fand darin Entwürfe für Möbel, die nie verwirklicht wurden und entwickelte sie nach ihren Vorstellungen weiter.

    Zuhause in Paris

    Als ich sie in ihrer Wohnung in Paris treffe, scheint sich gerade einmal wieder alles zu überschlagen: Vor einer Woche aus dem Surfurlaub in Kalifornien zurückgekehrt, hat ihr die Agentur Sid Lee ein reizvolles und eiliges Projekt als Artdirektorin angeboten, das Gesa Hansen unmöglich ablehnen kann. Zur selben Zeit treffen die Prototypen der neuen Möbelstücke in Paris ein. Sie warten nur darauf, der Welt gezeigt zu werden. Was eignet sich für eine Präsentation besser als ein Apéro im Showroom kurz vor der Pariser Designmesse Maison&Objet? Und dann ist da noch ihre Hochzeit in zwei Wochen ...

    Gesa Hansen arbeitet die Nächte durch und wundert sich, dass ihr die Leute das nicht ansehen. Vielleicht schafft es die graue Müdigkeit noch nicht ganz durch den Urlaubsteint hindurch. Sie füllt pinkes Pulver in eine Glaskaraffe und trinkt ein Glas nach dem anderen, um den Kater zu vertreiben. Der gestrige Abend war lang und aufregend: Im Abel 14, einem riesigen Pariser Fotostudio, in welchem vor nicht allzu langer Zeit Rei Kawakubo ihre Herbstkollektion für Comme des Garçons zeigte, durfte die Designerin ihre frisch aus der Tischlerei im heimatlichen Arnsberg eingetroffenen Möbelstücke präsentieren. Den Gästen hat es gefallen – Gesa Hansen strahlt, wenn sie von ihren Möbeln erzählt: »Jetzt stimmt einfach alles: Material, Farben, Verarbeitung, Proportionen. Sie sind so schön geworden, ich würde am liebsten sofort wieder hinfahren und sie bestaunen.«

    Bevor wir genau das tun, führt Gesa Hansen durch ihre Wohnung im zehnten Arrondissement der französischen Hauptstadt. Als sie hier vor eineinhalb Jahren einzog, waren in der Zwei-Zimmer-Wohnung ein Tisch, ein Stuhl, ein Kühlschrank und ein Junggeselle untergebracht. An diese kargen Zeiten erinnert nichts mehr: Bad, Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer – alles wurde seit ihrem Einzug gründlich auf den Kopf gestellt.

     

    Zu jedem kleinsten Einrichtungs-Detail gibt es eine Geschichte: Die Kieselsteine vor der Wohnungstür stammen aus dem Surferparadies Biarritz und sind so eine Art Garten-Ersatz; an der George-Nelson-Garderobe klemmt Gesa Hansens erstes kleines Skateboard und die silbernen Kaffeebecher auf dem Küchentisch erinnern an den Tag als sie vor sieben Jahren sehr spontan und ohne Französischkenntnisse bei Stararchitekt Jean Nouvel aufschlug und prompt für dessen Design-Atelier engagiert wurde. Von Jean Nouvel ging es zum Grafikbüro H5 und nach einem kurzen Abstecher in Tokio begann Gesa Hansen als Artdirektorin für das Unternehmen ihres Vaters, den Möbeldesigner Hans Hansen, zu arbeiten.

    Möbel nach Gesa-Art

    Im Schlafzimmer steht das erste Möbelstück, dass sie für ihr eigenes Label »The Hansen Family« entworfen hat. Es ist der Sekretär Remix #2, der im Januar bei der Kölner Möbelmesse auf dem Stand ihres Vaters Hans Premiere vor grossem Publikum hatte. Der Name Hans Hansen steht für funktionales, geradliniges, rechtwinkliges Möbeldesign, vorzugsweise aus Stahl und HPL. Gesa Hansens Label »The Hansen Family«, das im Sortiment des Arnsberger Unternehmens vertrieben wird, bricht mit der Formensprache ihres Vaters – zumindest auf den ersten Blick, beim näheren Hinsehen ist der Bezug zum skandinavischen Möbeldesign, von dem auch der Däne Hansen geprägt ist, evident. Eine wichtige Referenz für den Sekretär Remix # 2 ist George Nelsons Swag Leg Desk aus dem Jahr 1958, dessen Typus Gesa Hansens Entwurf subtil aufgreift und in ein Design übersetzt, dass an die dänische Tradition anknüpft: klare, funktionale Ästhetik und unaufdringliche Perfektion, gefertigt in massivem Eichenholz.

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    . Bilderstrecke: The Hansen Family
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    Das Bemerkenswerteste an der Remix-Kollektion, die neben dem Sekretär aus zwei Couchtischen, einem Schrank und einer stapelbaren Schubladenbox besteht, ist aber ihr Realitätssinn – anders gesagt: die Menschlichkeit der Möbel.Sie sind für Leute gemacht, die, um sich Platz zu schaffen, Stifte, Papier und Taschenrechner mit ausgestrecktem Arm ans Tischende schieben, wo sie dann in die bunten Container fallen, welche sich ganz einfach herausnehmen und wieder ausleeren lassen; für Menschen, die ab und zu mal auf dem Couchtisch tanzen oder zumindest die Füsse darauf ablegen wollen und für diejenigen, die ihre Pullis und T-Shirts nicht gerne falten, sondern einfach über den nächsten Stuhl werfen. Remix #5, der Schrank, der an den Steamer Trunk von Louis Vuitton erinnert, beherbergt einen Garderobenbaum, dessen Äste fangen, was immer ihm zufliegt. Und das sieht nicht chaotisch sondern einfach gut aus.

    Gesa Hansen steht vor ihrem Schrank und schaut in den Spiegel, der die aufklappbare Decke ziert. »Ich möchte als nächstes einen Schrank für Männer machen«, sagt sie und es klingt beinahe entschuldigend. »Ich denke dabei an eine aufklappbare Hausbar, die an ein Bootsmöbel erinnert«. Eine wunderbare Idee – übrigens ebensowenig nur für Herren, wie der Schrank #5 nur für Damen geeignet ist.

    Lucky Lucky-Girl

    In der Uni die Beste, mit den Professoren per Du, geistreich, musikalisch, sportlich, vier Sprachen sprechend, mit unzähligen Talenten gesegnet und auf eine unkomplizierte Art wunderhübsch. Ein Tausendsassa, ein Jungs-Mädchen, dem die Männer verfallen, ohne dass sie dafür einen Aufwand betreiben müsste – Gesa Hansen ist jemand, dem man mit einer ordentlichen Portion Skepsis begegnen möchte. Und dann trifft man sie. Sie strahlt, erzählt lebhaft, staunt, lacht, gestikuliert und eh man auch nur darüber nachdenken kann, ist jeder Argwohn verschwunden. Viel besser noch: Man gönnt ihr von Herzen das Glück dieser Welt; sie hat es sich mehr als verdient. Und eines versteht man plötzlich auch: Es ist eine Lebensaufgabe – und zwar eine ziemlich anstrengende – ein Lucky Girl zu sein.

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