
Freitag, 03. September 2010, 01:39:30 Uhr, NZZ Online
rkw
Es gibt einen neuen Stil in den USA. Ein Spiel wohl eher. Das Ziel des Stil-Spiels ist es, das 19. Jahrhundert möglichst detailgetreu nachzumachen. Nicht nur einrichtungsmässig, sondern auch was die Mode betrifft und was die Freizeitgestaltung angeht. Gerne werfen sich die Anhänger der so genannten Neo-Vintage-Bewegung in den Kleidern ihrer Ahnen in die Posen ihrer Ahnen und lassen sich ablichten. Die Fotos werden dann ausgebleicht und vergilbt.
Die Schwärmerei der für die in der Bewegung tonangebenden Blogger wie Hollister Hovey beschränkt sich denn auch nicht auf einen Aspekt des 19. Jahrhundert, sondern umfasst alles, was irgendwie damit zu tun hat (bisweilen auch das 18. und das 20. Jahrhundert - man nimmt es nicht so genau mit den Jahreszahlen). Man liebt Antiquitäten genauso wie Kopien, schwärmt für englische Chesterfiled-Sofas und amerikanische Schaukelstühle, für naturkundliche Zeichnungen und die Trophäen der Grosswildjäger, für Cricket und für Wild West (Indianer und Cowboys), für Historien-Schinken und Werbetafeln. Der eklektische Stilmix, der in den Wohnungen der Neo-Vintage-Fans so entsteht, erinnert an die gut vorbereitete Inszenierung anlässlich einer Motto-Party und ist mitnichten authentisch. Dafür aber verspielt, augenzwinkernd und überaus charmant.