
Freitag, 03. September 2010, 01:32:32 Uhr, NZZ Online
rkw (NZZ am Sonntag, 4. Juli 2010)
Wenn einer den anderen trotzdem mag – auch wenn der betrunken viel Dummes lallt, auch wenn der sich blamiert und auch wenn der stinkt –, dann ist das ziemlich viel; aber es zeugt weder vom gleichen Geschmack, noch bedeutet es, dass die an allerlei Beziehungs-Unbill geprüfte und gestärkte Zuneigung dem Streit bei der Auswahl der Wohnungseinrichtung standhält. An der Frage ums richtige Sofa ist schon manch grosse Liebe zerbrochen, heisst es.
Was geschieht, fragt man sich, wenn zwei junge Leute, die bald zusammenziehen, getrennt voneinander im Einrichtungshaus eine komplette Wohnzimmeraustattung aussuchen und danach ihre Traumräume vergleichen? Streit ist wohl programmiert: «Ein weisses Ledersofa? Ohne mich!» und: «Mich oder den Teppich. Beides geht nicht.» Spannend irgendwie; deshalb soll dem «Das-Sofa-oder-ich-Streit» etwas nachgeholfen werden, man versucht, ihn in einer Testsituation herbeizuführen. Das Umfeld: Ikea, das freundliche Einkaufsparadies der Neu-Zusammenzieher, das – so hört man – zur albtraumhaften Vor-Trennungs-Hölle mutieren kann. Auch die Testpersonen sind schnell gefunden: Luca, ein zwanzigjähriger Informatiker, und seine Freundin Maureen, neunzehn Jahre alt und gerade mit dem KV fertig, werden bei Ikea «Wir kaufen uns eine Einrichtung» spielen.
Worüber sich das Paar wohl am hitzigsten fetzen wird? Bei Ikea werden Wetten abgeschlossen. «Sie sucht sich fröhliche Blumenmuster aus, bunt, viel Holz und Textil», tippen die meisten Mitarbeiter, und: «Er liebt’s praktisch. Funktionsmöbel, gross, schwer und bequem. Er achtet nicht aufs Gesamtbild.» Nur einer meint (und setzt als Wetteinsatz einen Kasten Bier): «Am Ende wählen sie beide das Gleiche.» Das Paar zieht los. Getrennt. Luca sucht zielgerichtet aus, weiss, was passt, was funktional ist, was gefällt. Er kennt sich aus, erzählt von Vitra-Stühlen und einem USM-Tisch, die er kürzlich sehr günstig im Internet ersteigert hat. Luca, Maureen und die Möbel, die sie ausgesucht haben: die gleiche Lampe, fast das gleiche Sofa. Wenig Farben, wenig Ornamente. Beiden gefällt die Auswahl des anderen. Die Sache verläuft harmonischer, als den auf hitzige Diskussionen hoffenden Testveranstaltern lieb ist.
Aber an etwas wird sich schon ein Streit entfachen. Am Violett vielleicht: «Luca, den lila Teppich, den Maureen ausgesucht hat, den magst du nicht, oder?» – «Doch, der ist o. k.», lässt er sich durch die suggestive Frage nicht beirren. Einzig das Service mit beigem Rand, das ihr gefällt, findet er hässlich, dessen Anschaffung indiskutabel. Luca mag weisses Geschirr. Dieses Paar passt einrichtungsmässig wunderbar zusammen, keine Frage. Auch in Sachen Konsensfindung: perfekt. Man prophezeit den beiden eine lange gemeinsame Zukunft.
Diese Harmonie, diese Vernunft. Wie erwachsen die beiden sind. Überlegt, fast konservativ im Einrichtungsgeschmack. Wahrscheinlich leben die beiden einfach das Leben ihrer Eltern nach, haben ihren eigenen Stil noch nicht gefunden. «Meine Mutter», widerspricht Maureen dem, «mag warme Farben; Orange, Rot. Mir gefällt das nicht. Ich mag’s kühler, schlichter.» Während uns das Resultat des völlig unrepräsentativen Kleinst-Tests überrascht, beobachtete man bei Ikea Ähnliches: Viele Jungkäufer interessieren sich für teure «Statussymbol»-Möbel und edles, schlichtes, glattes Design. So hat unser Test (zum Glück) zu keinem Beziehungsdrama geführt, sondern (unerwartet) gezeigt, wie anscheinend viele junge Menschen leben.