Donnerstag, 17. Mai 2012, 23:49:50 Uhr, NZZ Online
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«Wenn jeder Tag ein Sonntag wär», tönte Schlagerkatastrophe Erik Silvester in den Siebzigern: «Wir wären alle Sonntagskinder, wären voll gut drauf. Das Leben wär ein Supertrip und hätte seinen Lauf. Wir wären alle Blumenkinder, Flower-Power-Time.» Schön für Erik, kann man da nur sagen. Wahrscheinlich gehört er zu jenem penetranten Menschenschlag, der jedem traurigen Gesicht mit einem vorwurfsvoll-aufmunternden «Jetzt lach doch endlich mal, ist doch schliesslich (bald) Sonntag», begegnet.
Manchmal möchte man den Eriks dieser Welt so richtig eine verpassen, so, dass ihnen ihr Blumenkinder-Supertrip-Lächeln vergeht. Sonntage sind manchmal nämlich gar nicht schön, sind langweilig, traurig, dauern unendlich lang. An solchen Tagen wünscht man sich so einiges. Aber dass jeder Tag ein Sonntag wäre? Ganz bestimmt nicht! Die Wohnung, die man mit viel Begeisterung eingerichtet hat, erscheint einem fremd. Die geliebten Möbel scheinen jemandem anderen zu gehören. Es ist ein Alice-im-Wunderland-Gefühl: Irgendwie ist man ganz plötzlich - zwischen dem Aufstehen und dem Frühstücken vielleicht - zu gross oder zu klein für die, normalerweise genau richtig dimensionierten, eigenen vier Wände geworden. Man weiss sich partout nicht zu beschäftigen, obwohl man die wenigen Stunden herbeigesehnt hat, die man endlich mal ganz allein ist. In solchen Momenten freut man sich auf all die beschäftigten Mon- und die aus allen Termin-Nähten platzenden Dienstage. Und hofft, dass es einem nie so geht wie dem britischen Sänger Morrissey, wenn er singt: «Everyday is like sunday. Everyday is silent and grey». Lauter traurige Sonntage, aneinandergereiht, in unabsehbarer Folge! Schreckliche Vorstellung.
Morrisseys Song scheint auch auf den Bildern, die Philipp Müller zur Herbst/Winter-Kollektion 2009 von Family Affairs fotografiert hat, leise im Hintergrund zu spielen. Sie zeigen ein trauriges Mädchen in seiner liebevoll eingerichteten Wohnung, in der sie sich gerade so gar nicht zu Hause fühlt. Es sind melancholische Bilder oder vielleicht doch nicht. Denn man sieht auf ihnen auch irgendwie, dass sich das Mädchen bald besser fühlen wird (sobald der Kater weg ist vielleicht, sobald die Sonne wieder scheint oder sobald jemand anruft, um das Mädchen zu Sonntagnachmittags-Kaffee einzuladen).
In den Zeiten, in denen Blogs wie der von Todd Selby Rekordbesucherzahlen vermelden, ist es ziemlich angesagt, Mode- und Interiorfotografie in pseudodokumentarischen Arrangements zu verbinden. Oder Models statt über den Laufsteg durch ein wohnungsartig eingerichtetes Atelier defilieren zu lassen, wie das Betsey Johnson an der diesjährigen New Yorker Fashion Week machte. Doch es gelingt nur selten, dass auf den Bildern mehr zu sehen ist, als ein Modell, das eine Schnute zieht und sich in einem dekorativ verwohnten Interieur in Szene setzt. Anders Philipp Müller: Er schafft es, Nina und Kaya Eglis Family-Affairs-Kleider gebührend ind Bild zu rücken und dabei eine Geschichte zu erzählen, die weit davon entfernt ist, eine blosse Fashion-Story zu sein.
Nina Egli:
Ninas Welt
Musik&Design:
Orange Stunden
Trend:
The Great Selby