Donnerstag, 17. Mai 2012, 23:53:16 Uhr, NZZ Online
Othmar Humm, Neue Zürcher Zeitung
Haus und Technik
Lediglich acht Prozent der Einwohner, die über 65 Jahre alt sind, leben in Kollektivhaushalten, also in Alters- und Pflegeheimen. Die Zahl aus dem Bundesamt für Statistik zeigt: Ältere und alte Personen wohnen überwiegend im eigenen Haushalt. Für viele Bewohner bieten ihre Wohnungen indessen unzählige Hindernisse. Ungeeignete Grundrisse oder Schwellen können Personen, die auf einen Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen sind, in ihrer Beweglichkeit enorm einschränken. Die Schwelle einer Balkontüre beispielsweise kann für Personen mit eingeschränkter Mobilität eine Hürde bedeuten, deren Überwindung viel Kraft und Mut erfordert. Hindernisfreie Bauten erleichtern aber auch geh- und sehtüchtigen Bewohnern die Nutzung von Räumen, vor allem von Nassräumen, und vermindern die Unfallgefahr.
Öffentliche Bauten sowie Gebäude mit mehr als 50 Arbeitsplätzen beziehungsweise acht Wohnungen sind gemäss geltenden Vorschriften hindernisfrei zu gestalten. Was darunter zu verstehen ist, konkretisiert die SIA-Norm 500 «Hindernisfreie Bauten», die in vielen Kantonen als Rechtsgrundlage dient. Nach dieser Norm sollten Wohnungen hindernisfrei zugänglich und mit «geringem baulichem Aufwand» an individuelle Einschränkungen anpassbar sein.
Diese Differenzierung ist naheliegend, denn Wohnungsnutzer mit Sehbehinderungen verlangen nach anderen baulichen und technischen Anpassungen als Personen im Rollstuhl. In jedem Fall ist die stufenlose Erreichbarkeit des rollstuhlgängigen Fahrstuhls von der Strasse oder von der Autoeinstellhalle aus prioritär. Dass dies in vielen Wohnhäusern möglich ist, erleichtert auch das Bewegen von Kinderwagen und Fahrrädern in Korridoren und Kellerräumen. Innerhalb von Wohnungen bilden schmale Türöffnungen, enge Nasszellen und (zu) hohe Türschwellen die grössten Hindernisse. Diese zu beseitigen kann kostspielig sein. Umso wichtiger ist es, die bestehende Bausubstanz im Zuge von Renovationen oder Umbauten anzupassen. Denn viele hindernisreiche Bauten werden mit ihren Bewohnern alt und bieten deshalb häufig kein ideales Umfeld. Doch dies ist, zumal in älteren Häusern, selten möglich, relativiert Joe Manser von der Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. Der Architekt empfiehlt Hauseigentümern, das Ziel etappenweise zu verfolgen. Beim Fensterersatz beispielsweise sollte die Zugänglichkeit des Balkons oder des Gartensitzplatzes ein Auswahlkriterium sein.
In vielen Bade- oder Duschräumen fehlt der Platz, um mit einem Rollstuhl zu manövrieren. Knapp vier Quadratmeter sollten es nach der SIA-Norm sein, in jeder Richtung mindestens 170 Zentimeter. Die Trennung von Bad und WC bringt nach Einschätzung von Joe Manser häufig keine Verbesserung, weil «beide Räume nicht mehr funktionieren» – was bedeutet, dass sie für Bewegungen mit Rollstühlen zu klein sind. Besonders schwierig zu nutzen sind schmal geschnittene Badezimmer, in denen Toilette, Badewanne und Lavabo entlang eines Ganges aufgereiht sind. Unabhängig vom Grundriss eignen sich für gehbehinderte Menschen vor allem Duschen ohne Ränder. Der bodenebene Duschplatz sei jetzt Mode, meint Manser, und vor allem deshalb in vielen Neubauten zu sehen. Für Leute, die darauf angewiesen sind, ist dies eine Erleichterung.
Sowohl die SIA-Norm als auch Ratgeber für hindernisfreies Bauen empfehlen übereinstimmend für die Grundrissgestaltung genügend Manövrierraum, insbesondere zum Wenden eines Rollstuhles in WC- und Duschräumen, aber auch vor Türen und in Korridoren. Ausreichend Raum ist auch für eine hindernisfreie Küche entscheidend, neben Arbeitsflächen, die mit einem Rollstuhl unterfahrbar sind.
Wenn das Treppensteigen im eigenen Haus zur Mühsal wird, kann ein Treppenlift oder eine Hebebühne Hilfe bieten; diese sind in einer Vielzahl von Bauformen erhältlich. Die meisten Treppenlifte steigen entlang einer in der Wand oder auf den Treppenstufen verankerten Schiene in ein höheres Geschoss. Bei mehrgeschossigen Anlagen sind die Fahrzeiten vergleichsweise lang.
Die Alternative dazu, der konventionelle Vertikallift, ist deutlich teurer. So oder so – ein Aufzug verhindert, dass einem das gewohnte Haus teilweise verschlossen bleibt. Technik kann Bewohner bei vielen alltäglichen Aufgaben unterstützen. Typisch dafür sind elektrisch bedienbare Sonnenstoren und Fensterflügel sowie Gegensprechanlagen. Das erhöht die Autonomie von gebrechlichen und behinderten Menschen im Alltag, meint Manser, das eigentliche Ziel von hindernisfreien Bauten. Eine Hilfeleistung des Nachbarn wirkt so nicht als Pflicht, sondern als freundliche Geste.